Vertraue Dir selbst

Ich mache jetzt schon ungefähr 40 Jahre Musik, aber so etwas ist mir noch nie passiert. Das muss ich Dir einfach erzählen.

Es treten ja schon immer einmal Menschen an mich heran und wünschen sich ganz besondere Lieder oder Musikstücke für ihre Veranstaltungen. Das ist ja auch gut so. Ich erfülle diese sehr gerne, sofern es mir möglich ist. Ein kürzlich an mich gestellter Auftrag war jedoch eine absolute Herausforderung und totales Neuland für mich.

Nicht neu war, dass ich zu einer Ausstellungseröffnung einige Lieder singen sollte. In der Regel schlage ich passend zum Thema vorhandene Lieder vor und der Kunde wählt aus oder macht noch andere Vorschläge. Bei dem letzten Sonderauftrag sollte ich Musikstücke interpretieren ohne Text.

Naja, o.k., es gibt ja durchaus auch Lieder, deren „Text“ aus erfundenen Wortfragmenten oder wohlklingenden Silben besteht. Gut, ich habe auch einige Playbacks dazu gefunden und diese vorgeschlagen. Allerdings habe ich da nicht den Geschmack der Ausstellerin getroffen. Nein, so hat sie sich das nicht vorgestellt.

Also gut, dann suchte ich weiter. Aber auch die nächsten Vorschläge gefielen nicht. Schließlich sagte mir die Auftraggeberin, dass es eigentlich auch gar keine Musik braucht. Wie bitte? Kein Text und keine Musik? Was bleibt denn dann noch?

Sie hatte zwar so etwas noch nie ausprobiert, aber sie stellte sich vor, dass ich mich einfach mitten in das Kunstwerk stellen und einmal hinein spüren solle. So, wie es auf mich wirkt sollte ich das Ganze einfach in Töne formulieren. Also irgendwie etwas dazu singen, klingen, summen, eben Töne ohne Worte.

Ohweh. Sowas hatte ich ja noch nie gemacht. Tonimprovisationen ohne Text, ohne Vorgaben, ohne Musik, ohne helfende Mitmusiker. Einfach nur ich sein und klingen, schwingen, singen.

Wie bereitet man sich auf so etwas vor? Was mache ich bloß? Kann ich das überhaupt? Was ist, wenn ich mich total blamiere, weil mir im entscheidenden Moment nichts einfällt?

Viele Male habe ich gezweifelt, habe überlegt, ob ich absagen soll und einem Klangschalen-Spieler den Vortritt lassen sollte.

Ich probierte ein bisschen aus, verwarf wieder einzelne Phrasen, versuchte es anderes. Aber wie klingt das? Ich war ziemlich ratlos und aufgeregt.

Die Ausstellungseröffnung kam immer näher und ich hatte immer noch kein passendes Konzept. Dann kam mir eine Idee. Damit ich nicht ganz alleine sein würde, nahm ich mir einen Klangstab zu Hilfe, der in 512 Hz gebaut war. Diesen wollte ich vielleicht als klingenden Unterton immer einmal anschlagen und dann dazu einstimmen.

Ich stellte meine Idee der Künstlerin vor und bat, dieses Hilfsmittel benutzen zu dürfen. Sie willigte ein und ich bekam dadurch ein bisschen Sicherheit.

Dann sagte ich zu mir selbst, dass ich jetzt seit über 40 Jahren Musik mache und mir doch irgendetwas aus dieser Erfahrung im entscheidenden Moment einfallen müsste. Außerdem hat mir Gott auch schon in so manchen ratlosen Situationen zur Seite gestanden. Das wird schon irgendwie gehen.

Auch, wenn diese Gedanken mir noch keinerlei Lösung boten, sie beruhigten mich doch sehr und so kam der Tag der Eröffnung.

Ja, und was soll ich sagen. Es lief. Zum richtigen Zeitpunkt kamen einige Töne, Klänge, Silben, mal lauter, mal leiser, mal zart und nahezu unhörbar, mal dominant und bestimmend. Ich war selbst überrascht, dass so etwas funktionieren kann.

Keine Ahnung, ob es die perfekte Improvisation war, aber das brauchte es für mich gar nicht. Ich hatte nicht gekniffen, ich hatte darauf vertraut, dass mir schon etwas einfallen würde. Ich war mit dieser Aufgabe über mich selbst hinausgewachsen.

Ich möchte mit meiner Erzählung bei Dir keinesfalls angeben. Nein, was ich Dir damit nur mitteilen möchte ist, dass Du das auch schaffen kannst. Wenn Du die Angst und die Zweifel loslässt und auf Dich selbst vertraust, dann wirst Du Herausforderungen meistern.

Ich wünsche Dir, dass es gelingt.

Deine Ursula